Wie viel juristische Kapazität braucht Ihr Team? Bedarf berechnen statt schätzen
Bedarf besprechenKurzantwort: Den Personalbedarf der Rechtsabteilung berechnen Sie mit einer einfachen Formel: jährliches Volumen je Arbeitsart × Bearbeitungszeit pro Fall ÷ produktive Stunden pro Vollzeitstelle = benötigte FTE. In unserem Musterbeispiel ergeben 4'295 Stunden Bedarf bei 1'350 produktiven Stunden pro Person rund 3,2 FTE. Fest besetzen sollten Sie die dauerhafte Grundlast; Spitzen fangen Sie mit temporären Fachkräften, Kanzleien oder Priorisierung ab.
Dieser Ratgeber richtet sich an General Counsel, Heads of Legal und Heads of Compliance in der Schweiz und in Deutschland, die Kapazität begründen müssen, etwa gegenüber CFO oder HR. Er zeigt, welche Daten Sie brauchen, wie die Rechnung funktioniert, wie Sie Grundlast und Spitzen trennen und welche Kennzahlen Sie monatlich verfolgen.
Daten erheben: Intake, Vertragsarten, Anfragen, Fristen
Die Rechnung ist nur so gut wie die Daten. Sie brauchen für jede Arbeitsart zwei Werte: das Volumen pro Jahr und die durchschnittliche Bearbeitungszeit pro Fall.
- Intake: Wie viele Anfragen gehen pro Monat ein, und aus welchen Fachbereichen? Ein Ticketsystem oder ein gemeinsames Postfach liefert die Zahlen.
- Vertragsarten: Trennen Sie Standardverträge nach Vorlage (etwa NDAs) von verhandelten Verträgen. Die Bearbeitungszeit unterscheidet sich oft um ein Vielfaches.
- Beratungsanfragen: Kurze Auskünfte, Stellungnahmen, Schulungen.
- Daueraufgaben: Gesellschaftsrecht, Gremien, Register, Richtlinien. Sie fallen pauschal an, nicht pro Fall.
- Streitfälle und Kanzleisteuerung: Anzahl laufender Verfahren und der interne Aufwand pro Fall.
- Fristen und Stichtage: Regulatorische Projekte, Vertragsverlängerungen, Jahresabschluss. Sie bestimmen, wann Spitzen entstehen.
Fehlt ein System, reicht eine Stichprobe: Das Team erfasst vier Wochen lang jeden Fall mit Arbeitsart und Zeitaufwand. Rechnen Sie das Ergebnis auf das Jahr hoch und gleichen Sie es mit bekannten saisonalen Spitzen ab. Werkzeuge und Kennzahlen dafür beschreibt die Seite Legal Operations und Projektunterstützung.
Formel und Rechenbeispiel
Die Formel lautet: Summe aus Volumen × Bearbeitungszeit je Arbeitsart, plus Zuschlag für Qualitätssicherung, geteilt durch die produktiven Stunden pro Vollzeitstelle. Das Ergebnis sind die benötigten FTE.
Das folgende Rechenschema ist ein Muster. Alle Volumen, Zeiten und Quoten sind Annahmen für ein fiktives Unternehmen mit drei Juristinnen und Juristen. Ersetzen Sie sie durch Ihre eigenen Werte.
| Arbeitsart | Volumen pro Jahr (Annahme) | Zeit pro Fall (Annahme) | Stunden pro Jahr |
|---|---|---|---|
| Standardverträge nach Vorlage | 1'200 | 20 Minuten | 400 |
| Verhandelte Verträge | 400 | 4 Stunden | 1'600 |
| Beratungsanfragen der Fachbereiche | 1'500 | 45 Minuten | 1'125 |
| Gesellschaftsrecht und Gremien | pauschal | – | 300 |
| Streitfälle und Kanzleisteuerung | 60 | 8 Stunden | 480 |
| Zwischensumme | 3'905 | ||
| Qualitätssicherung und Abstimmung (Zuschlag 10 %) | 390 | ||
| Gesamtbedarf | 4'295 | ||
| Produktive Stunden pro FTE (42 Stunden × 46 Wochen × 70 %) | 1'350 | ||
| Benötigte FTE | rund 3,2 |
Im Beispiel fehlen dem Team mit 3 FTE rund 0,2 FTE oder etwa 245 Stunden pro Jahr (4'295 − 3 × 1'350). Diese Lücke lässt sich mit Priorisierung und Vorlagen schliessen. Eine neue Stelle wäre dafür zu gross.
So kommen die produktiven Stunden zustande (Annahme)
- Vertragliche Wochenarbeitszeit: 42 Stunden. In Deutschland liegt sie oft tiefer; nehmen Sie Ihren eigenen Arbeitsvertrag.
- Arbeitswochen: 46 nach Abzug von Ferien bzw. Urlaub, Feiertagen und Krankheit.
- Produktiver Anteil: 70 %. Der Rest geht in Sitzungen, Administration, Weiterbildung und Teamführung.
Grundlast und Spitzen trennen: fest besetzen, was dauerhaft ist
Die Jahresrechnung zeigt die Grundlast. Spitzen sehen Sie erst, wenn Sie den Bedarf pro Monat oder Quartal aufteilen. Diese Trennung entscheidet, ob Sie eine Stelle schaffen oder temporär verstärken.
- Bedarf pro Quartal aufteilen: Verteilen Sie die Jahresstunden auf die Quartale, gemäss Ihren Erfahrungswerten.
- Bekannte Spitzen addieren: Transaktionen, regulatorische Stichtage, Vertragswellen, Jahresabschluss.
- Grundlast bestimmen: Der Bedarf, der in jedem Quartal mindestens anfällt, ist die Grundlast. Sie gehört in feste Stellen.
- Spitzen bewerten: Was darüber liegt, ist Spitze. Sie fangen sie temporär ab.
- Wiederholung prüfen: Kehrt eine Spitze jedes Jahr wieder und dauert sie länger als ein halbes Jahr, gehört sie eher zur Grundlast (Faustregel der Redaktion).
Beispiel (Annahme): Im vierten Quartal steht eine Vertragswelle mit zusätzlich 600 Stunden an, etwa durch neue Lieferantenbedingungen. Ein FTE hat pro Quartal rund 337 produktive Stunden (1'350 ÷ 4). Die Welle braucht also knapp 1,8 FTE für drei Monate. Eine Festanstellung wäre danach nicht mehr ausgelastet.
Spitzen abfedern: temporäre Fachkräfte, Kanzlei, Priorisierung
Spitzen fangen Sie mit drei Mitteln ab, die sich kombinieren lassen. Welches passt, hängt von Art und Dauer der Arbeit ab.
- Temporäre Fachkräfte: Für Volumenarbeit in Ihren Systemen, etwa Vertragsprüfung nach Playbook oder Backlog-Abbau. Über Staff Leasing integriert ins Team, über Freelancing für abgegrenzte Pakete. Mehr dazu auf der Seite Arbeitsspitzen in Legal und Compliance abfedern.
- Kanzlei: Für Spezialfragen, Gutachten und Verfahren, weniger für Volumen.
- Priorisierung: Was warten kann, wird bewusst verschoben. Das wirkt sofort, schafft aber keine Kapazität.
Kosten für das Beispiel der Vertragswelle (Annahme, Schweiz)
- Ein Experienced-Profil (3–6 Jahre) in Vollzeit während 13 Wochen: 65 Einsatztage × angenommene CHF 1'000 (Bandbreite CHF 800–1'200) = CHF 65'000.
- Ein Junior-Profil (0–2 Jahre) an 3 Tagen pro Woche während 13 Wochen: 39 Einsatztage × angenommene CHF 700 (Bandbreite CHF 600–800) = CHF 27'300.
- Gesamt: CHF 92'300 exkl. MWST für 104 Einsatztage.
Die Bandbreiten stammen aus den Preisangaben von Alpinum Solutions, Stand 18.10.2026. Für Deutschland und alle Stufen siehe den Ratgeber Kosten im Interim Legal & Compliance. Wie Sie einen grossen Rückstand mit einem Team abbauen, zeigt der Beitrag Contract-Review-Backlog abbauen; für grössere Vorhaben den Beitrag Taskforce für Legal- und Compliance-Projekte.
Alpinum Solutions stellt dafür Legal- und Compliance-Fachkräfte über Staff Leasing und Freelancing bereit, in Teilzeit oder Vollzeit. Ausgewählte Profile liegen in der Regel innerhalb von 48 Stunden vor; den Einsatzbeginn stimmen Unternehmen und Alpinum gemeinsam ab.
Die Rechnung gilt auch für Compliance-Teams
Für Compliance-Teams funktioniert dieselbe Formel, oft sogar genauer, weil die Arbeit in zählbaren Einheiten anfällt. Typische Einheiten sind KYC-Dossiers, Alerts im Transaction Monitoring, periodische Überprüfungen oder Schulungen.
- Bearbeitungszeit pro Dossier oder Alert mit einer repräsentativen Stichprobe messen, nicht schätzen.
- Komplexitätsklassen bilden, etwa nach Risikostufe des Kunden.
- Zweitprüfung (Vier-Augen-Prinzip) als eigene Zeile rechnen, nicht im Zuschlag verstecken.
- Regulatorische Fristen als harte Grenze setzen: Bedarf ÷ verbleibende Wochen = benötigte Personen.
Kennzahlen, die Sie monatlich verfolgen sollten
Sieben Kennzahlen reichen, um Kapazität und Engpässe früh zu erkennen. Wichtig ist der Verlauf über mehrere Monate, nicht der einzelne Wert.
- Eingänge: neue Fälle pro Monat, nach Arbeitsart und Fachbereich.
- Erledigungen: abgeschlossene Fälle pro Monat.
- Offene Fälle: Bestand am Monatsende. Steigt er drei Monate in Folge, wächst ein Backlog.
- Durchlaufzeit: Tage vom Eingang bis zur Erledigung, je Arbeitsart.
- Externer Anteil: Kanzleikosten und Anteil der Fälle, die an Kanzleien gehen.
- Auslastung: erfasste Stunden im Verhältnis zu den produktiven Stunden.
- Fristen: Anzahl knapper oder verlängerter Fristen.
Welche Ursachen hinter steigenden Werten stehen, ordnet der Beitrag Engpässe in der Rechtsabteilung ein.
Grenzen und Risiken der Kapazitätsrechnung
- Die Rechnung ist ein Modell. Sie ersetzt nicht das Urteil, welche Arbeit überhaupt nötig ist.
- Durchschnittszeiten verdecken Ausreisser. Ein einziger komplexer Fall kann eine Woche binden.
- Selbst erfasste Zeiten sind oft zu tief, weil Unterbrechungen fehlen. Prüfen Sie die Stichprobe auf Plausibilität.
- Wer nur Volumen zählt, übersieht Spezialwissen. Eine Stelle kann rechnerisch reichen und trotzdem das falsche Fachgebiet abdecken.
Häufige Fragen zur Kapazitätsplanung der Rechtsabteilung
Wie viele produktive Stunden hat eine Vollzeitstelle?
Das hängt von Ihrer Wochenarbeitszeit, den Ferien bzw. dem Urlaub, Feiertagen, Krankheit und dem Anteil an Sitzungen und Administration ab. In unserem Musterbeispiel ergeben 42 Stunden × 46 Wochen × 70 % produktiver Anteil rund 1'350 Stunden pro Jahr. Diese Werte sind Annahmen. Rechnen Sie mit Ihren eigenen Arbeitsverträgen und Abwesenheiten.
Ab wann lohnt sich eine zusätzliche Festanstellung?
Eine Festanstellung lohnt sich, wenn die Grundlast die vorhandene Kapazität dauerhaft übersteigt, also in jedem Quartal und nicht nur in Spitzen. Als Faustregel der Redaktion gilt: Fehlt über zwölf Monate rund eine Vollzeitstelle, prüfen Sie eine neue Stelle. Kleinere Lücken schliessen Sie mit Priorisierung, Vorlagen oder Teilzeit-Unterstützung.
Wie berücksichtige ich Qualitätssicherung?
Rechnen Sie Qualitätssicherung als eigenen Aufwand, nicht als Restgrösse. Zwei Wege sind üblich: ein prozentualer Zuschlag auf die Bearbeitungszeit, im Beispiel 10 % als Annahme, oder eine eigene Zeile für Zweitprüfung, Playbook-Pflege und Schulungen. In Compliance-Teams mit Vier-Augen-Prinzip ist die eigene Zeile genauer.
Woher bekomme ich die Daten, wenn es kein Ticketsystem gibt?
Eine vierwöchige Stichprobe reicht für eine erste Rechnung. Das Team erfasst jeden Fall mit Arbeitsart, Fachbereich und Zeitaufwand, etwa in einer einfachen Tabelle. Rechnen Sie das Ergebnis auf das Jahr hoch und ergänzen Sie bekannte Spitzen. Nach drei bis sechs Monaten mit laufender Erfassung wird die Rechnung belastbar.
Gilt die Formel auch für Compliance-Teams?
Ja. In Compliance fällt die Arbeit oft in zählbaren Einheiten an, etwa KYC-Dossiers, Alerts oder periodische Überprüfungen. Messen Sie die Bearbeitungszeit mit einer repräsentativen Stichprobe, bilden Sie Komplexitätsklassen und rechnen Sie die Zweitprüfung separat. Regulatorische Fristen setzen dabei die Zahl der verfügbaren Wochen.
Nächster Schritt
Haben Sie Ihren Bedarf berechnet und eine Spitze erkannt? Beschreiben Sie Volumen, Aufgaben und Zeitraum; Sie erhalten ausgewählte Profile für Staff Leasing oder Freelancing.
- Arbeitsspitzen in Legal und Compliance abfedern
- Legal Operations und Projektunterstützung
- Kosten im Interim Legal & Compliance
- Bedarf besprechen
Stand: 30. Oktober 2026.
